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  • Stefan Malzew

Die Verantwortungsbereiche eines Dirigenten

geschrieben im Oktober 2017



Jede Person, die sich in die Situation begibt, andere Menschen beim Musizieren anzuleiten, betritt damit automatisch jenen Ort, den wir bei Dirigiertip den Roten Quadratmeter nennen werden.

Dieser Begriff beschreibt das Dirigentenpodest in seiner repräsentativsten Erscheinungsform als ein zwanzig bis dreißig Zentimeter hohes Pult, bei dem die Kantenlänge der es umschließenden, gut gezimmerten Hölzer in etwa einen Meter beträgt und das auf der oberen Seite nicht nur mit einem sauber verarbeiteten, hochwertigen roten Teppich bespannt ist, sondern auch noch ein kunstvoll gearbeitetes Metallgeländer hat, das uns Dirigenten vor dem Sturz in die verzückt lauschende Menge schützen soll, wenn wir denn in vollster, der Musik dienender Emphase einen unkontrollierten Schritt zu viel nach hinten machen sollten...

Es kann aber durchaus sein, dass sich dieser Rote Quadratmeter für eine Stimmgruppenprobe im Sommerprojekt eines Jugendorchesters mal kurz hinter dem Eingang eines zum Übungsraum umfunktionierten Partyzeltes befindet und lediglich aus Campingstuhl und einem davor stehenden, zum Notenpult umfunktionierten Stapel von leeren Getränkekisten besteht.

Oder er ist womöglich in gar keiner Weise irgendwie räumlich sichtbar abgegrenzt, sondern ergibt sich ganz spontan inmitten der Zusammenkunft von ein paar Studierenden, die sich nachmittags in einem verlassenen Mensaraum treffen, um kurz vor der Hochschulorchester-Probe mit der Stimmgruppe ein paar Passagen aus der aktuellen Sinfonie durchzuspielen und dich bitten, sie dabei anzuleiten.

Vollkommen unabhängig davon, wann, wo und unter welchen Umständen die Probe, die Verabredung zum gemeinsamen Üben oder die Aufführung z.B. eines gemeinsam einstudierten Gesangs stattfindet: jeder von uns, der die Aufgabe übernimmt, vor anderen Menschen zu stehen und diese musikalisch zu führen, ist in diesem Moment Dirigent und handelt vom Roten QM aus.

Damit das, was wir dort tun, erfolgreich geschieht und seinen Zweck erfüllen kann, sind wir gut beraten, uns darüber im Klaren zu sein, dass wir auf dem RQM die Verantwortung übernehmen für eine ganze Reihe von nicht ganz alltäglichen Dingen. Wer das nicht möchte, sollte andere Wege gehen und den raren, begehrten Platz anderen überlassen.

Natürlich gibt es unterschiedliche Gewichtungen, je nachdem wie die aktuellen Umstände gerade aussehen. Aber egal ob als junger Theaterkapellmeister während der Endprobenphase zum Zigeunerbaron, als Stimmgruppenmentor eines Ärzteorchesters während der wöchentlichen Registerprobe oder als Kantor bei der Aufführung des Weihnachtsoratoriums: Das Bewusstsein dafür, sich  als musikalischer Leiter in einer privilegierten Position wiederzufinden, sollte für jeden von uns immer eine Rolle spielen. Und den Preis dafür, dieses Privileg genießen zu dürfen, bezahlen wir über die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung.

Gehen wir davon aus, dass du in irgendeiner Art regelmäßig die Aufgabe hast, Musik anzuleiten, und betrachten wir, wofür du dabei die Verantwortung übernimmst.

Die Musik

Als Augenscheinlichstes ist das natürlich die Musik selbst.

Wie wird das Tempo sein? Welchen Charakter hat das Musikstück? Wie ist der dramaturgische Verlauf des Werkes? Wo sind die technischen oder klanglichen Schwierigkeiten verborgen? Welches sind Haupt- und Nebenstimmen und wie werden sie gut aufeinander abgestimmt? Worin bestand die Intention des Komponisten? Welche stilistischen Regeln sind zu befolgen? Und so weiter.

Aber auch äußere Umstände, die sich direkt auf die Musik auswirken, spielen dabei eine Rolle. Für welchen Anlass wird sie einstudiert bzw. aufgeführt? In welchem Raum findet sie am Ende statt und welchen Einfluss hat das auf die Spielweise, z.B. in Fragen der Dynamik, der Artikulation, der Tempowahl? Wie muss die zur Verfügung stehende Probenzeit eingeteilt werden?

Um unserer Verantwortung gerecht zu werden, müssen wir über die Beantwortung all dieser und damit verwandter Fragen dafür Sorge tragen, dass das Ergebnis des Spielens oder Singens durch unser Zutun als Dirigent besser wird, dass sich eine gemeinsame musikalische Handlungsrichtung etabliert.

Das werden wir nur leisten können, wenn wir die Musik, um die es geht, gut kennen und wenn wir so viel wie irgend möglich über die Musik selbst und die zu erwartenden Umstände bei der Aufführung wissen.

Die Musizierenden

Ein weiterer, sehr elementarer Bereich unserer Verantwortung betrifft die beteiligten Musizierenden. Es ist kaum zu überschätzen wieviel Einfluss  die mentale und emotionale Verfassung aller Beteiligten auf das Ergebnis hat.

Abgesehen natürlich von den musikalischen und technischen Fähigkeiten jedes Einzelnen, spielt die Art unseres Umgangs mit den uns umgebenden Menschen eine der wichtigsten Rollen für die Qualität des Resultats unserer Arbeit.

Wobei es hier nicht in erster Linie darum geht, möglichst nett zu sein. Denn es sind bisweilen auch nicht alle Musiker nett zu dir.

Entscheidend ist vielmehr eine Angemessenheit der Kommunikation, die Fähigkeit zur sachlichen Kritik, die niemals die Person angreift und eine gewisse eigene Unempfänglichkeit für gelegentliche Angriffe, Sticheleien oder Derartiges. Es wird zu gegebener Zeit Platz geben für dieses wichtige Feld, bleiben wir hier vorerst beim Thema des Kapitels.

Wir dürfen auf dem Roten QM nie außer acht lassen, dass wir von hier aus Einfluss nehmen auf die Lebensumstände vieler Menschen. Gerade, wenn wir regelmäßig mit dem selben Ensemble, Chor oder Orchester arbeiten, wirkt die Art unseres Handelns in den Alltag, ja bis in die Familien der MusikerInnen hinein.

Die Gabe, Ängste zu nehmen und alle Beteiligten dazu zu motivieren, sich ein kleines bisschen über ihre eigenen Grenzen hinweg zu steigern, ist die Königsklasse dieses Verantwortungsbereiches. Manchem von uns mag diese Fähigkeit aus sich selbst heraus entsprechen, das ist dann eine wunderbare Voraussetzung für das Ausüben unseres Berufes an seinem Platz, dem Roten QM. Alle anderen müssen lernen, wie sie diesem Ziel so nahe wie möglich kommen können.

Einer der wichtigsten Faktoren für ein erfülltes Leben ist Erfolg. Wenn wir in unserem Bewusstsein das Ziel verankern, durch unsere Arbeit gemeinsame Erfolge mit den Musikern zu ermöglichen, weist unser Handeln in die richtige Richtung.

Das Publikum

Wen interessiert eigentlich klassische Musik? Und was genau ist es, das zu diesem Interesse führt? Warum sollte ein Mensch ins Konzert gehen und seine knappe Freizeit damit verbringen, dem Resultat unserer Arbeit zuzuhören?

An dieser Stelle kommt die Frage nach dem "Warum?" der Musik ins Spiel, ein wichtiger Gedanke, der an anderer Stelle bei Dirigiertip eine ausführlichere Betrachtung verdient und bekommen wird. Übrigens ist das ein Thema, von dem ich mir denken kann, dass wir es in unserer Dirigiertip-Lounge rege diskutieren werden. 

In Bezug auf den Gegenstand dieses Beitrags, die Verpflichtung zur Übernahme von Verantwortung auf dem Roten Quadratmeter, geht es hierbei vor allem darum, dass wir anstreben müssen, bleibende Erlebnisse zu verschaffen.

Wenn es gelingt, dass unsere Hörer so begeistert nach Hause gehen, dass sie bei ihrem nächsten Konzertbesuch jemanden mitbringen, der noch nie ein Live-Konzert klassischer Natur besucht hat, dann haben wir das geschafft, was es zu erreichen gilt. Diese Latte hängt hoch und sicher rennen wir immer wieder drunter durch. Aber das Wahrnehmen unserer Verantwortung dafür, die Menschen erkennen zu lassen, dass es eine bestimmte Art von unvergleichlichen Erlebnissen nur da zu finden gibt, wo wir Dirigenten gemeinsam mit den Musikern unseren Beruf ausüben, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass es unseren Job noch möglichst lange gibt.

Falls er im Laufe der kommenden zwanzig bis dreißig Jahre tendenziell obsolet werden sollte, weil die Konzertsäle langsam keine neuen Besuchergenerationen mehr finden, hat es ihn gerade mal etwa 200 Jahre lang geben. Ich finde, das hätte viel zu sehr den Charakter einer historisch unbedeutenden Episode!

Tun wir etwas dafür, dass durch unser Wirken die Musik zu einer Bereicherung des Lebens so vieler Menschen wie möglich wird!

Wie wir gesehen haben, besteht unsere Verantwortung im Kontakt mit den MusikerInnen darin, durch unser gesamtes Tun der Pflege und Anwendung musikalischer Fähigkeiten zu dienen und unsere Handlungen danach auszurichten, dass das Ergebnis in der Aufführung die bestmögliche Qualität bietet.

Unsere Verantwortung dem Publikum gegenüber geht noch einen Schritt weiter.

Hier reicht es nicht, die Werke "gut" zu spielen. Gegenüber dem Publikum ist "gut gespielt" nur "halb gewonnen".

Beides dient im weitesten Sinne der Musik, dem eigentlichen Feld unseres verantwortlichen Handelns.

Aber um diesen drei Punkten wirklich gerecht werden zu können, gibt es noch einen Verantwortungsbereich, der alles andere erst ermöglichen wird:

Du Selbst

Die Beschäftigung damit, auf welchen Wegen wir uns selbst in den Stand versetzen, den drei oben genannten Bereichen Musik, Musizierende und Publikum wirklich gerecht zu werden, wird auf Dirigiertip einen wichtigen Raum einnehmen.

Die Anforderungen des Roten QM verlangen ein gezieltes Selbstmanagement. Dazu gehören natürlich die Beschäftigung mit den Partituren und die allgemeine Auseinandersetzung mit Musik. Aber das ist so selbstverständlich, dass es kaum der Rede wert ist.

Oder? Wie geht das mit dem Lernen in Phasen von Zeitknappheit? Wie funktioniert so etwas wie "musikalische Hygiene"? Wie bereite ich effektiv effektive Proben vor? Ist die Schlagtechnik fertig gelernt am Ende des Dirigier-Studiums, der Ausbildung zum Schulmusiker oder Kantor?

Und, wichtiger vielleicht noch als diese Standardfragen des Arbeitsalltages, ist das Wissen um die Wege, mit denen wir für unsere mentale Fitness sorgen, für das nötige dicke Fell bei gleichzeitiger Bewahrung der Sensibilität und Wachheit, die der Umgang mit den vielen anderen Menschen von uns verlangt.

Wie gehen wir mit den eigenen Unsicherheiten und Ängsten um, und mit wem reden wir über unsere Fragen?

Als Dirigenten sind wir einsame Wölfe. Mit allen Privilegien, die es mit sich bringt, als Alphatier wahrgenommenem zu werden, aber auch mit der Last und der Verpflichtung, das Rudel sicher zu führen.

Das Betreten des Roten QM verlangt ein Commitment uns selbst und der Musik, den Musikern und dem Publikum gegenüber.

Wer diesen Vertrag nicht eingehen mag, der lasse besser die Finger von diesem Beruf.

Für alle anderen gibt es Dirigiertp als mitwachsenden, ständigen Begleiter.

Und dass du bis hier gelesen hast, lässt vermuten, dass du keine Furcht hast vor einem Leben als einsamer Wolf und bereit dazu bist, dich der Aufgabe, das Rudel zu führen, zu stellen.

Der Mond sei mit dir. Nicht nur bei nächtlichem Partiturstudium…

Stefan Malzew












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